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27. Juni 2007 / stefaniewilhelm

Lumen mobile

Blumauergasse Juni 2007

Die Arbeiten von Stefanie Wilhelm erscheinen dem ersten Blick simpel, entpuppen sich aber auf den zweiten Blick als geniale Einsicht in elementare Zusammenhänge der Wahrnehmung von Raum, Farbe und Licht.

Stefanie Wilhelm illustriert keine Konzepte, für deren Wahrnehmung wir den kunst- und medientheoretischen Handapparat in die Ausstellung mitnehmen müssen. Es gelingt ihr, mit Material, Licht, Form, Farbe, Optik und Raum so zu arbeiten, dass wir behutsam hinter die scheinbare Einfachheit geführt wird, um dort die Erweiterung unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit zu erleben.

In zwei nebeneinanderliegenden, grossen, rechteckigen Schaufenstern drehen sich, unsichtbar und unabhängig voneinander bewegt, wie in Zeitlupe, hinter einem Streifen Milchglasfolie dünne, quadratische, monochrome Platten um ihre eigene Achse. Zunächst ist lediglich die – durch die Diffusion der Milchglasfolie bedingte – unscharfe, zwischen Fläche und Linie wechselnde Kontur der sich langsam drehenden Platten wahrnehmbar.

Da steigt auf der gegenüberliegenden Seite der Straße die Sonne über die Dächer. Ihr Licht fällt in steilem Winkel in die Auslagen. Plötzlich werden die Scheiben zu leuchtenden, sich wandelnden geometrischen Körpern, freischwebenden, sich sanft drehenden Lichtquadern, deren Grenzen sich bald eigentümlich im Sonnenlicht aufzulösen scheinen, bald klare Grenzen zwischen Licht und Schatten setzen, und ein wunderbares Spiel von Interferenzen entfalten, während lange Lichtbögen in der Tiefe des dahinter liegenden Raums über die Wände ziehen.

Jetzt sind wir dem Spiel der Formen und Reflektionen bereits so nahe, dass sich unsere Wahrnehmung einer neuen Dimension öffnen kann. Was offenbar wird, ist, dass wir der Entstehung der Farben aus der Polarität von Hell und Dunkel gewahr werden, so wie Goethe es vor über 200 Jahren in Position gegen Newton postuliert hatte; eine Erkenntnis die erst durch die Entdeckung des Bezold-Brücke-Effekts bestätigt wurde, der im jahrhundertelangen Streit zwischen diesen beiden Richtungen der Farbenlehre, ein triftiges Argument zugunsten Goethes Auffassung darstellt.

Diese gelungene Synthese aus wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit so behutsam, unspektakulär und ästhetisch überzeugend zu entfalten und unserer Wahrnehmung zugänglich zu machen, macht die Qualität der Arbeiten von Stefanie Wilhelm aus. Wenn es auch in der Kunst die Stillen im Lande gibt, dann gehört diese Künstlerin sicher zu ihnen, und es ist zu wünschen, dass sich ihre Arbeit weiterhin so wunderbar wie ihre Lichtspiele entfalten kann.

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